Sagenhaftes Rungholt

Sturmflut, Stich 1675Es ist die Geschichte der Sintflut. Welche andere Erklärung soll man hinterher finden für die Zerstörung, die Sturmfluten angerichtet haben. Und so wird der Untergang Rungholts von denen, die die Chroniken schreiben für ihre eigenen Zwecke genutzt.

Zumeist waren es die Priester und Prediger, die die Chroniken schrieben, die begannen, die mündlichen Geschichten zu verschriftlichen und nach ihren eigenen Interessen zu interpretieren. Und so fand sich auch für den Untergang Rungholts die passende Sage. Interessant ist aber auch hier, dass die Geschichte - wie schon die gezeichneten Karten der Edomsharde und Rungholts - wieder aus dem 17. Jahrhundert, der Zeit nach der zweiten groten Mandränke stammen.

Mit Abstand von 300 Jahren wird Rungholt zu einer reichen, blasphemischen Stadt, in der die Werte des Christentums - oder die Vorstellung der Kirchenoberen von diesen Werten - nicht angemessen beachtet werden. Ein paar Burschen begehen frevlerische Taten, schänden heilige Insignien des Abendmahls. Und wie es sich für wahre Christen gehört, bittet der Pfarrer um die gerechte Strafe für die Tat, verlässt rechtzeitig die Stadt, die anschließend durch die verheerende Flut zerstört wird - gemeinsam mit den Frevlern und ein paar tausend weiteren Opfern. Gerettet wird nicht nur der Priester, sondern auch noch zwei bis drei Jungfrauen - schließlich müssen am Ende immer ein paar Gerechte übrig bleiben.

Es gibt verschiedene Fassungen der Sage, eine stammt aus der 1666 erschienenen 'Nordfresischen Chronick' von Anton Heimreich:

Die Rungholtsage nach Anton Heimreich

"Unter allen diesen ertrunckenen örtern ist insonderheit benahmet der flecke Rungholt, von dessen verwüstung und untergang, wie auch künfftigem wolstande der gemeine mann beydes in vorigen und auch noch jetzigen zeiten viel wunderdinges erzehlet. Inmassen man berichtet, daß auff eine zeit etliche muthwillige gäste eine saw" [=Sau], "mit verlaub, sollen truncken gemachet und zu bette geleget haben, und darauff den prediger lassen ersuchen, er möchte ihrem krancken das Abendmal reichen, und sich dabey verschworen, daß, wenn er bey seiner ankunfft ihren willen nicht würde erfüllen, sie ihn in den graben stossen wollten. Wie aber der prediger das H. Sacrament nicht so grewlich wollen mißbrauchen, und sie sich untereinander besprochen: ob man nicht solte halten, was man geschworen? Und der prediger daraus leichtlich gemerket, daß sie nichts gutes mit ihm in sinne hätten, hat er sich stillschweigens davon gemacht. In dem er aber wieder heim gehen wollen, und ihm zwo gottlose buben, so im kruge gesessen, gesehen, haben sie sich beredet, daß so er nicht zu ihnen herein gehen würde, sie ihm die Haut wolten voll schlagen. Sein darauff zu ihm hinaus gegangen, haben ihn mit gewalt ins hauß gezogen, und gefraget, wo er gewesen? Und wie ers ihnen geklaget, wie man mit Gott und ihm habe geschimpffet, haben sie ihn gefraget, ob er das H. Sacrament bey sich hätte? und ihn gebeten, daß er sie dasselbe möchte zeigen. Darauff er ihnen die Büchse gegeben, darin das Sacrament gewesen, welche sie voll bier gegossen, und Gotteslästerlich gesprochen, daß so Gott darinnen sey, so müsse er auch mit ihnen sauffen, und wie der prediger auff sein freundliches anhalten die büchse wider bekommen, sey er damit zur kirchen gegangen, und habe GOTT angeruffen, daß er diese gottlose leute wolle straffen. Darauff er in der folgenden nacht sey gewarnet worden, daß er aus dem lande, so Gott verderben wolte, solte gehen, sey auch auffgestanden und davon gegangen, und habe sich alsobald ein ungestümer wind und hohes wasser erhaben, dadurch das gantze land Rungholt (oder wie andere melden, gantze sieben kirchspiele, worunter Rungholt das vornehmste gewesen) sey untergegangen, und niemand davongekommen, als gemeldeter prediger und zwo (oder, wie andere setzen, seine magd und drey) jungfrawen, so den abend zuvor von Rungholt aus auff Bobschlut zur kirchmeß sein gegangen. . ."

Die Sage ist natürlich keine authentische Schilderung der Ereignisse im Jahr 1362, sondern eine Vermischung verschiedener Quellen. Zum einen beinhaltet sie natürlich den Gehalt der biblischen Sintflut-Geschichte, zum anderen nimmt sie Bezug auf überlieferte Quellen. Die Geschichte der zwei oder drei Jungfrauen taucht öfter auf, zeitgenössische Stammbäume leiten die Herkunft mancher Familie auf diese Jungfrauen zurück. Da der Hinweis auf diese Jungfrauen in verschiedenen Quellen auftaucht und einige der in den ebenfalls erst im 17. Jahrhundert erstellten Stammbäumen genannten Personen in älteren Kirchenbüchern auftauchen, geht Henningsen davon aus, dass dieser Hinweis einen gewissen Wahrheitsgehalt besitzt.

Für andere Teile der Sage gibt es ebenfalls Quellen, die sich allerdings nicht auf Rungholt beziehen. Die Schändung der Oblatenbüchse gehört zu den Standardbeispielen für Gotteslästerung in christlichen Exempelbüchern.  Die Geschichte mit dem Pastor und der trunkenen Sau taucht ebenfalls in verschiedenen Quellen auf, sie wird aber insbesondere im Zusammenhang mit dem Untergang des Ortes Fedderingman-Capell - ein Nachbarort Rungholts, der ebenfalls 1362 zerstört, später aber wieder besiedelt wurde - im Jahr 1532 von zeitgenössischen Quellen erzählt. Auf diese Quelle von Samuel Meier weist auch Heimreich hin.

Somit ist die Rungholtsage allenfalls ein Konglomerat verschiedener Herkunft und gibt keine wirkliche Auskunft über den Untergang des Ortes.

Auffällig ist allerdings, dass bei der Vielzahl zerstörter Siedlungen und Kirchspiele in der Geschichte der Uthlande immer wieder in Überlieferungen und späteren Karten auf Rungholt Bezug genommen wird. Heimreich weist am Beginn seiner Fassung der Sage auf die Besonderheit dieses Ortes hin. Auch wenn der von ihm angenommene Reichtum des Ortes wohl eher zu relativieren ist, so scheint Rungholt doch eine herausragende Bedeutung gehabt zu haben - trotz praktisch kaum vorhandener Quellen aus der Zeit vor 1362.

Quelle: Hans-Herbert Henningsen, Rungholt - der Weg in die Katastrophe, Husum 1998

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Rungholt taucht auf