Homberg in der Schuldenfalle
Rede zum Haushalt 2007 (Klaus Bölling,
Fraktionsvorsitzender)
Meine Damen und Herren,
die Lichter werden in Homberg nicht ausgehen – so hat es
zumindest der Bürgermeister der HNA mitgeteilt. Das ist gut zu
wissen – aber ist es auch beruhigend? Nein, beruhigend ist es
leider nicht, denn der Bürgermeister hat vergessen zu erläutern,
wie das Licht bezahlt werden soll.
Was soll man sagen zu einem Haushalt, wie dem für das Jahr
2007? Im Grunde gibt es da wenig zu beschönigen – auch wenn das
hier wieder versucht wird: Dieser Haushalt ist eine Katastrophe.
Er dokumentiert keinen Aufbruch in eine sicherere Zukunft, sondern
zeigt sehr deutlich den Abgrund, vor dem wir stehen. Bringen wir
es auf den Punkt: Wir bewegen uns in rasender Geschwindigkeit in
eine Schuldenfalle und niemand zeigt Wege auf, wie wir da wieder
herauskommen sollen.
Wir haben unsere Schulden seit 2001 mehr als verdoppelt, meine
Damen und Herren. Pendelte der Schuldenstand in den Jahren vorher
immer zwischen 14 und 16 Mio. €, so sind wir heute mit großen
Schritten bei über 30 Mio. € angekommen. Und dabei sollten wir
nicht vergessen, dass wir auch im Jahr 2001 einen Schuldenstand
hatten, der die Handlungsfähigkeit der Stadt extrem einengte. Was
sollen wir da erst heute sagen?
Was mir besondere Sorgen bereitet, ist der Fakt, dass sich die
Verschuldung nicht verlangsamt, nein, wir legen mit gesteigerter
Geschwindigkeit zu. Um 5,7 Mio. € steigt die Gesamtverschuldung
allein in diesem Jahr. Das ist mehr als ein Drittel der Schulden
aus dem Jahr 2001 allein als Zunahme in einem Jahr. Meine Damen
und Herren, diese Zahlen sollten uns alle, egal in welcher
Fraktion, extrem beunruhigen.
Und Bürgermeister Wagner hat es in seiner Haushaltsrede recht
lapidar angekündigt: Die Verschuldung wird auch in den nächsten
Jahren weiter steigen. Ist es wirklich so einfach?
Ich möchte hier gar nicht mit Schuldzuweisungen arbeiten, es
ist sicherlich auch nicht richtig, dem Bürgermeister die
Alleinschuld an dieser Entwicklung zu geben. Was mich aufregt,
sind die Versuche, die verfahrene Situation schön zu reden, die
Dramatik der Entwicklung herunterzuspielen. Mehr als 5 Mio. €
Schulden in nur einem Jahr – das ist nicht normal, das ist nicht
ein Haushalt wie jeder andere. Ich erwarte da einfach mehr, als
die lässige, fast fatalistische Aussage, wir sind noch lange nicht
am Ende der Fahnenstange angelangt. Und da reicht es auch nicht zu
sagen, die Schulden stammen zu einem großen Teil aus dem Bereich
Kanalbau – es sind Schulden, sie belasten den Haushalt mit Zinsen
und Tilgung, sie drücken die Handlungsfähigkeit der Stadt weit in
den Negativbereich.
Denn auch das ist Tatsache – entwickeln können wir uns nur noch
mit immer neuen Krediten. Im Verwaltungshaushalt klafft ein
weiteres Minus, wir erwirtschaften also kein Geld für
Investitionen und Entwicklung, sondern produzieren auch hier
Schulden. Fehlbedarf im Verwaltungshaushalt: fast 4 Mio. €.
Addieren wir das zu den Krediten hinzu, liegen wir schon fast bei
9,5 Mio. €. Dann gibt es da aber auch noch den Kassenkredit, der
inzwischen auf sagenhafte 5 Mio. € gestiegen ist, allein um die
laufenden Ausgaben zu decken. Damit erreichen wir den
Gesamtschuldenstand von 2001 mit 14,7 Mio. € fast allein durch
diese drei Positionen aus einem einzigen Jahr. Bei diesen Zahlen
wäre ich schon mal etwas vorsichtiger mit der Prognose, dass die
Lichter nicht ausgehen.
Hinzu kommen Verbindlichkeiten, die wir heute noch in
Zweckverbänden verstecken und von der HLG vorfinanzieren lassen.
Stadtumbau West z.B. – vorfinanziert von der HLG, von uns zu
zahlen ab 2008. Oder die Erschließung des Hessentagsgeländes – ein
weiteres Millionenrisiko, wenn die Grundstücke nicht vermarktbar
sind oder die Preise fallen. Hinzu kommt das im Moment noch recht
moderat angesetzte Hessentagsminus von 1,8 Mio. €. Damit steht im
Grunde heute schon fest, dass die Situation ab 2008 noch
dramatischer wird. Und dann? Wie soll es dann weitergehen in
dieser Stadt, die sich den Auswirkungen des demografischen Wandels
stellen muss, die weiterhin für die Bürgerinnen und Bürger
attraktiv bleiben muss, um überhaupt eine Chance zu haben? Ganz
platt gesagt: Wenn wir zukünftig unser Geld allein in Zinsen statt
in Kindergärten investieren müssen, dann gehen die Lichter in
dieser Stadt tatsächlich aus, da hilft alle Schönrederei nichts.
Es hilft nichts, die Dramatik zu verschleiern und die
Kommunalaufsicht mit einem Haushaltssicherungskonzept beruhigen zu
wollen, das nicht einmal richtig ernst gemeint ist. Dort stehen
Zahlen aus dem letzen Jahr bunt gemischt mit Zahlen aus diesem
Jahr, reale Einsparpotentiale neben frommen Wünschen – eigentlich
schon viel zu viele Worte zu diesem Papier. Mit unserer wirklichen
Lage hat es aber auch rein gar nicht zu tun, Auswege zeigt es
nicht auf.
Ich weiß, dass es schwer wird – oder vielleicht mittlerweile
auch unmöglich ist – einen Ausweg zu finden. Ich weiß aber auch,
dass wir aufhören müssen, nicht vorhandenes Geld auszugeben. Es
gibt Dinge, die müssen gemacht werden. Der Marktplatz z.B., da
gibt es keinen Verzicht. Aber muss wirklich alles gemacht werden?
Ich persönlich möchte z.B. das Wasser und vor allem die
Pferdetränke mit den lustigen Wasserwippen. Das wäre neben den
biederen Rumpf-Statuen, die sich mittlerweile inflationär über die
Stadt verbreiten, etwas wirklich Innovatives. Aber können wir es
uns auch leisten, können wir es uns jetzt leisten? Müssen wir uns
jetzt ein Parkdeck in der Holzhäuser Straße leisten, obwohl
ziemlich klar ist, dass sich trotzdem kein neuer Nahversorger am
Marktplatz ansiedeln wird? Können wir uns großzügige Baumaßnahmen
an der Efze leisten, obwohl wir alle Finanzkraft für den Kanalbau
brauchen? Diese Fragen zumindest müssen gestellt werden.
Wir haben einen fatalen Weg eingeschlagen, meine Damen und
Herren. Hatten wir uns vor 6 Jahren noch Gedanken gemacht, wie wir
von einem nur halb so hohen Schuldenberg wieder herunterkommen,
sind heute 5 Mio. € hin oder her scheinbar kein Grund mehr zur
Beunruhigung. Mich erinnert diese Gelassenheit inzwischen an einen
Privathaushalt, in den die Post trotz Hartz IV jeden Tag ein Paket
vom Versandhaus bringt. Auch dort hofft man sicherlich, dass die
Lichter nicht ausgehen – zumindest so lange bis die KBG kommt und
den Zähler abklemmt.
Meine Damen und Herren, CDU und FDP haben sich in ihrer
Wagenburg verschanzt, wir haben weder die Möglichkeit im Magistrat
noch in den Ausschüssen Einfluss auf diese Politik der
grenzenlosen Verschuldung zu nehmen – wir werden sie auch nicht
mitverantworten und lehnen sowohl den Haushalt als auch das
sogenannte Haushaltssicherungskonzept mit aller Entschiedenheit
ab.